Fahrradtour 2010 – von Nida um das Kurische Haff

Hier nun die die Tagesberichte der Radfahrt 2010

Wie schon in den Jahren vorher übertraf auch die diesjährige Fahrradtour alle Erwartungen der Teilnehmer. Auch wenn die Gruppe nicht, wie im Jahr 2008, wie ein „Schweizer Uhrwerk“ sondern eher wie eine bedächtig pendelnde „Deutsche Standuhr“ fuhr, so hatten doch alle wieder viel Spaß an der Fahrradfahrt „Rund um das Kurische Haff“. Dieses Mal war die Samlandküste in den Verlauf der Baltivtravel-Fahrradtour aufgenommen worden, was sich als zusätzliches Highlight herausstellte.

 

1.Tag - 30. Mai 2010, Sonntag
Nida(Nidden) - Zelenogradsk (Cranz), 62 km

Zu 8.30 Uhr sind wir im Haus Aika zum gemeinsamen Frühstück verabredet.

Wir haben strahlenden Sonnenschein, alle sind bestens gelaunt und voller Erwartungen.

Irma hat uns einen sehr schönen Frühstückstisch bereitet. Nach guter Kräftigung für den ersten Tag, nach Vorstellungsrunde - die Gruppe besteht aus sieben Teilnehmern - und nach dem obligatorischen ersten Foto gemeinsam mit Irma starten wir schließlich um 9.45 Uhr.

Wir kommen nicht einmal bis zur Strandstraße, denn gleich nach der ersten Kurve sind wir nur noch sechs. Lothar deckte sich wohl noch irgendwo mit Wasser ein und verlor den Anschluss. Bernd fuhr zurück und sammelte ihn wieder ein. Weiter ging's bis zur russischen Grenze, wo wir freundlich und zügig abgefertigt wurden.

Kurz hinter der Grenze treffen wir auf Boris und Vadim.
Letzterer wird uns als unser Guide (Wege- und Staßenkenner) im kompletten russischen Abschnitt begleiten.

Der erste kurze Abstecher führt uns über einen kleinen russischen Friedhof und eröffnet uns einen schönen Blick über Haff und Dünen:

 

Der zweite Abstecher führt uns auf die Epha-Dünen - wir begegnen obgleich Sonntag reichlich Schulklassen, die mit Bussen herangefahren werden. So ist der herrliche Ausblick auf die Ostsee rechts, die Dünen und das Haff links sehr belebt.

 

Der dritte Abstecher führt uns zum Tanzenden Wald - ungewöhnlich gewachsene Kiefern, die m. E. weniger märchenhaft, sondern eher etwas krankhaft anmuten... Wissenschaftliche Analysen stehen noch aus.

Schließlich Kaffeepause in Rybatchi (Rossiten) in einer Ferienanlage, die so gar nicht in Dorf und Umgebung passen will und von gut gekleideten Damen und Herren besucht wird. So wundert die Rechnung für ein einziges Stück Kuchen plus Kaffee pro Person nicht sehr.

Kurz vor Zelenogradsk (Cranz) auf der Nehrungsstraße haben wir die erste Panne - genauer gesagt, Bernd. Eine Reparatur an Ort und Stelle ist wegen der unglaublich vielen Mücken schlichtweg nicht möglich. Bernd pumpt und pumpt und Vadim wedelt ohne Unterlass mit einem beblätterten Zweig.... So geht es stückchenweise bis in unser Hotel „Lana" in unmittelbarer Ostseestrandnähe. Wir genießen sehr unser erstes Bier sowie unser herrliches Abendessen mit Borschtsch und Königsberger „Klopsen". Nach einem gemeinsamen kleinen Standspaziergang ist noch eine Aufgabe zu lösen: Plattenbeseitigung. Es wird nicht geflickt, sondern gleich ausgetauscht, was aber wegen der unterschiedlichen Ventile auch nicht viel einfacher ist. Schließlich rettet Vadim durch eine wundersame Luftpumpe, die nach russischer Manier für alle Eventualitäten geeignet ist... Klasse. Einziges Problem ist nun die fortgeschrittene Tageszeit: es ist dunkel! Einziges Licht spendet eine Lampe auf dem seitlichen Hof, die als Bewegungsmelder fungiert. Die Männer agieren jedenfalls wie ein eingespieltes Team (erster Tag!!) und bei jedem choralen Ruf „Licht" werden Arme nach oben geschwenkt. Louise jedoch erkennt die Lage und löst das Problem - sie besorgt sich aus der Küche einen Wischmob und schwenkt ihn in permanenter Rhythmik vor der Lampe, was sehr zur allgemeinen Belustigung beiträgt.

Nachdem Bernds Fahrrad wieder komplett im Hof steht, genehmigen wir uns noch einen Gute-Nacht-Trunk, bei dem Lothar von seiner Reise nach Costa Rica (über die USA!) berichtet und Bernd uns in jüngst vergangene Zeiten entführt, in denen er auf abenteuerliche Weise in die DDR einreiste und am Checkpoint Charly schlicht „von der falschen Seite kam".

Ein guter Auftakt unserer Tour, der einfach Lust auf mehr machte.

 

2.Tag – 31. Mai
von Zelenogradsk/Cranz nach Jantarnyj/Palmnicken, 62 km

In der Nacht hatte es angefangen zu regnen. Alle waren für dieses Wetter gut ausgerüstet und so machte sich die Gruppe nach einem reichhaltigen Frühstück in der Villa Lana trotzdem frohen Mutes auf den Weg.
Bevor wir Cranz bei strömenden Regen in Richtung Kaliningrad/Königsberg verließen, zog Bernd am Geldautomaten einer Bank mit der EC-Karte noch ein paar Rubelchen, zum Kurs 1 EUR=37 Rubel. Danach bogen wir bald von der Hauptstraße in westlicher Richtung nach Kamenka/Michelau ab. Es begann hügeliger zu werden, je weiter wir ins Samland fuhren. Zum Glück ließ der Regen bald nach.
Auf Nebenstraßen, die alle gut asphaltiert waren, näherten wir uns über Schumnoe/Schupöhnen und Romanovo/Pobethen kommend Neukuhren/Pionerskij. Linker Hand, streng bewacht, ging es an einer groß angelegten Baustelle vorbei. Hier entsteht auf dem Gelände der einstigen Bismarck-Villa eine Regierungsresidenz, die zukünftig internationale Konferenzen und Präsidenten beherbergen soll.
Ein paar repräsentative Bauten aus früherer Zeit zeugten noch vom Flair des Kurortes mit seiner Bäderarchitektur aus der Jahrhundertwende.

Während einer kurzen Rast am Ostseestrand blickten wir noch einmal auf die Rantauer Spitze im Osten und auf den Fischereihafen im Westen. Dann ging es weiter über Aleksandrovka/Posselau nach Rauschen/Svetlogorsk. Noch war es ruhig in diesem Badeort an der Samlandküste, der in der Hochsaison das beliebteste Ziel vieler Russen aus Nah und Fern ist. Wir fuhren entlang der Eisenbahnlinie von Westen kommend, am wunderbar restaurierten Bahnhof vorbei, in das Zentrum des Ortes. In einem der besten Cafes direkt neben dem Wasserturm, dem Wahrzeichen Rauschens, gönnten wir uns – bis auf unsere Salatfreaks – ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee. Natürlich spazierten wir vor unserer Abfahrt auf der Promenade entlang, bekamen einen Eindruck vom mondänen Leben hier in den Hotels (das Grand Palace Hotel beherbergte u.a. die Präsidenten Putin und Chirac und Kanzler Schröder) , um uns auf den letzten Tagesabschnitt zu begeben, der, wie sich herausstellen sollte, der landschaftlich schönste war. Die Natur lebte nach dem Regen auf, wir fuhren, Primorje/Gr. Kuhren hatten wir schon hinter uns gelassen, durch eine völlig unberührte Welt, so schien es. Bei Prislovo/Nöttnicken überquerten wir die Eisenbahnlinie, die von den Badeorten an der Samlandküste nach Fischhausen/Primorsk führt. Nur verkehrt seit Perestroika kein Zug, und so werden die Gleise bald von Gras und Bäumen zugewachsen sein, wenn sie nicht noch vorher als Schrott verrubelt worden sind.

Wir näherten uns Palmnicken/Jantarnyj und waren gespannt auf den Ort, wo nahezu der gesamte Bernstein im Tagebau gefördert wird, der auf der Welt erhältlich ist. Links und rechts der Zufahrtsstraße standen Zäune und Barrieren und es war nicht zu erkennen, ob es militärisches Sperrgebiet oder der Tagebau von Primorskoje war, der sich dahinter verbarg.
Plötzlich öffnete sich links vor uns die Ostsee und wir blickten hinunter auf den Strand und die Grube Anna, aus der heute kein Bernstein mehr gefördert wird. Direkt unter uns lag die 1999 errichtete Gedenkstätte, die an das NS-Verbrechen der Ende Januar 1945 erschossenen Juden erinnert.

Im Zentrum von Palmnicken, gegenüber der erhaltenen ehemals evangelischen Kirche lag unser Hotel „Becker“, das wir gerade noch vor einem kräftigen Gewitterregen erreichten.
Sehr gefreut hatten sich alle über den Besuch zum Abendessen von Boris Vorobiev, unserm Guide im Kaliningrader Gebiet und Andrej Portnjagin, dem Leiter des Deutsch-Russischem-Hauses in Kaliningrad, die uns über viele aktuelle Neuigkeiten aus der Region berichteten.

 

3. Tag – 01. Juni
Jantarnyj/Palmnicken, Kaliningrad/Königsberg, 52 km

Nach einem guten Frühstück im komfortablen und gut ausgestatteten Hotel Becker, gegenüber der ehemaligen evangelischen Pfarrkirche von 1892 (heute eine russisch-orthodoxe Kirche) , schwangen wir uns wieder in den Sattel. Unsere Route sollte von der Westküste des Samlands in südöstlicher Richtung bis zum Fort No. 5 führen, das ca. zehn Kilometer vom Stadtzentrum Königsbergs entfernt liegt.

Das Wetter war leider kühl und regnerisch und so konnte die landschaftlich reizvolle Strecke nicht so richtig zur Geltung kommen. Unser Weg führte uns von Palmnicken über Germau, Kl. Dirschkeim, Markienen, Kumehnen, Drugehnen und Rosighatten zum Fort No. 5 bei Königsberg. Das Fort Nr. 5 (Baubeginn 1872) ist nach König Friedrich Wilhelm III benannt und war bei den russischen Angriffen auf Königsberg schwer umkämpft.

Dort, an historischer Stätte angekommen, erwartete uns eine Überraschung. Der Bus, der acht Fahrräder und acht Personen aufnehmen und uns weiter nach Labiau bringen sollte, erwies sich als zu klein. Das Problem wollte der russische Fahrer durch Ausbau einer Rückbank lösen und verschwand erst einmal für anderthalb Stunden. Als er wieder da war, zeigte sich, dass der gewonnene Platz wohl immer noch nicht reichen würde, um Fahhräder und Personen aufzunehmen. Jedenfalls begannen die Männer sofort mit dem Ausprobieren verschiedener Verlademöglichkeiten, ohne wirklich eine praktikable Lösung zu finden.

Zu unserem Team gehörten zum Glück zwei Damen, die sich schon vorher gelegentlich durch praktische Ideen hervorgetan hatten und die jetzt der Meinung waren, es wäre an der Zeit sich einzumischen. Gesagt, getan, es dauerte jedenfalls etwa fünf Minuten, da waren alle Fahrräder verladen und alle Personen saßen im Bus. Zugegeben, die Fahrt nach Labiau war nicht sehr komfortabel, aber wir kamen an.

In Labiau wurden wir erst einmal herzlich vom Hotelmanager begrüßt, der sich mit seinen Umarmungen besonders unseren Damen widmete (seine Begeisterung für das weibliche Geschlecht schien vom Alkohol beflügelt). Das Hotel wollte mit seinem orientalischen Baustil so gar nicht in die Landschaft passen und alle Gästezimmer befanden sich im ersten Stockwerk (der Himmel weiß warum), das nur über eine der engsten Wendeltreppen die ich je gesehen hatte und die auch noch einen höchst provisorischen Eindruck machte, erreichbar war. Na ja, für eine Nacht würde es gehen.

Nach einem Rundgang durch Labiau, hatten wir dann noch einen schönen und lustigen Abend bei gutem Essen (Hotelmanagers Frau hatte gekocht; ohne Alkoholbeflügelung)
und einigen Bierchen und Wodkas.

 

4. Tag - Polessk (Labiau) - Matrosowo (Gilge), 28 km

Wir starten nach unserer Nacht im „Orientpalast" gut gelaunt in den vierten Tag. Das Wetter ist etwas verhangen, aber es ist trocken. Es soll wie angekündigt unsere kürzeste Etappe werden. Dennoch sorgen wir für ein Picknick vor und decken uns dafür auf dem Polessker Markt gut ein.

Wir überqueren schließlich die Deime über die Klappbrücke und begeben uns auf einen malerischen Kanaluferweg. Über Belomorskoe (Hindenburg) erreichen wir schließlich Krasnoje (Haffwerder), wo wir einen kleinen Zwischenstopp einlegen und den Ausblick auf das Haff genießen:

Weiter geht es über Rasino (Mövenort) nach Golovkino (Elchwerder). Elche bekommen wir nicht zu Gesicht, dafür aber umso mehr Frösche, die gut hörbar konzertieren. Eine so große Zahl habe ich noch nicht gesehen. Ein reich gedeckter Tisch für die zahlreichen Störche, die überall am Wegesrand ihre Horste haben. Aus dem Picknick am Kanalufer wird nichts, denn wegen Bautätigkeit in unmittelbarer Nachbarschaft erschien uns dies als nicht günstig. So geht es wieder zurück in die Ortsmitte, wo wir direkt neben den beiden Verkaufsstellen unsere Raststätte einrichten.

Ein Gespräch mit einer jungen Verkäuferin ist etwas deprimierend; sie ist Mutter zweier Kinder und macht sich Sorgen um deren Zukunft. Die dortige Schule - ebenfalls direkt neben unserem Rastplatz - führt bis zur sechsten Klasse.

Bis zu unserem Ziel Matrosowo (Gilge) sind es nur noch wenige Kilometer. Wir fahren eine wunderschöne Birkenallee entlang - man kann sich nicht sattsehen:

In Matrosowo angekommen begrüßt uns Leni Ehrlicher und setzt alsgleich den Kaffee auf. Derweil nehmen wir den Steg an der Gilge förmlich in Besitz. Ein herrlicher Platz, von dem ich eigentlich bis zur Abreise am nächsten Morgen nicht mehr aufstehen wollte. Aber schließlich lockten leckerer Kuchen und Kaffee.

Danach machen wir uns auf einen Spaziergang durch den Ort, an der Gilge entlang und wollen möglichst bis zur Mündung gelangen. Ein Gespräch mit der Litauerin Monika, nach eigenen Angaben 90 Jahre alt, setzt uns schon in Erstaunen, bearbeitet sie doch noch ihre Scholle. Kartoffeln und Knoblauch stehen gut und sollen später zum Verkauf angeboten werden. Susanne, Bernd und ich schlagen sich dann tatsächlich noch fast bis zur Mündung durch - das ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn die Mückenschwärme sind so dicht, dass man unentwegt mit Zweigen um sich schlagen muss.

Zurück in der Unterkunft genießen wir bei Leni ein Saunabad und anschließend auf meinem Lieblingsplatz ein Bier.

Der Abend klingt mit einem netten Beisammensein bei Lasagne, Bier und auch etwas Wodka aus.

Wir versuchen, Gesprächspausen am Tisch zu vermeiden, denn man sollte sie, wie Vadim meinte, nicht zulassen, wird doch einem russischen Sprichwort zufolge, in solchen Momenten ein Milizionär geboren...

 

5. Tag - Do. 3.6.2010
Gilge/Matrossowo - Tilsit/Sowetsk

Trotz der vielen Mücken in Gilge haben wir eine ruhige Nacht verbracht. Die Zimmer waren frei von diesen kleinen Saugern. Mit den Einschränkungen der sanitären Anlagen im Haus von Leni Ehrlich haben wir uns nach anfänglichen Schwierigkeiten auch arrangiert. Zum Frühstück gibt es Ei und Apfel-Birken-Marmelade, von der Luise besonders begeistert ist.

In Gilge ist die Straße zu Ende. Um unserem heutigen Ziel Tilsit näher zu kommen, müssen wir einige Kilometer bis zur nächsten Straße auf dem Wasser zurück legen. Pünktlich um 8:30h legen drei Boote am Steg an. Sie sind nicht besonders groß. Unsere acht Räder und ein Teil des Gepäcks werden auf das dritte Boot verladen. Hoffentlich verlieren wir kein Rad! Wir und der Rest des Gepäcks verteilen uns auf die beiden anderen Boote. Alle drei Boote sind gerappelt voll, bewegen können wir uns kaum noch. Das Boot mit den Rädern ist mit einem Seil an unserem befestigt. "Ein Seil ist ein aus zusammengedrehten Fasern oder Drähten bestehendes längliches, biegeschlaffes, elastisches Element zur Übertragung von Zugkräften.", sagt Wikipedia. Unser Seil besteht nur aus Fasern. Nicht wenige davon sind schon gerissen. Die Zugkräfte waren wohl des Öfteren schon zu groß. Hoffentlich verlieren wir unsere Räder nicht!

Die Boote setzen sich in Bewegung. Diesmal sind die Zugkräfte wohl nicht zu groß. Das Seil hält. Wir verabschieden uns winkend von Leni und von Gilge. Es ist ein schöner, beschaulicher Ort. Es wird eine ruhige Fahrt auf der Gilge, einem Mündungsarm der Memel. Tauchen vor uns Angler auf, wechseln die Boote auf die andere Seite. Die Fahrt ist früher als gedacht zu Ende. Weit vor Seckenburg steuern die Boote einen Steg an. Hinter einer hohen Hecke und einem Tor stehen einige neu gebaute Häuser. Wie sich später herausstellt, sind wir auf einem Privatgelände gelandet.

Immer entlang der Gilge erreichen wir Seckenburg/Sapowednoje, dessen Kirchturm uns den Weg weist. Hier machen wir eine kleine Pause, essen Eis und Schokolade, beobachten die Menschen und die Störche.

Bis Neukirch befahren wir eine lange Allee. Rechts und links gibt es einige landwirtschaftliche Betriebe, hauptsächlich Milchwirtschaft. Unser Dahinrollen wird nur einmal durch eine Kuhherde unterbrochen, die die Straße nicht räumen will. In Neukirch machen wir an einer Bushaltestelle halt. Auch hier unterhalten wir uns wieder mit wartenden Einheimischen. Die der russischen Sprache mächtigen Vadim und Susanne halten wie immer das Gespräch in Gang.

Nachdem es heute Morgen noch geregnet hat, ist es jetzt sehr warm und schwül. Aber Heinrichswalde ist nicht mehr weit. Wir haben es bald erreicht und machen eine längere Pause bei der Kirche. Kaum sind die Räder abgestellt, haben wir schon die Aufmerksamkeit einiger Kinder auf uns gezogen. Wir müssen auf unsere Sachen aufpassen! Einer bleibt bei Rädern und Gepäck, die anderen gehen in die gegenüberliegende "Kantine". Dort ist das Essen gut und günstig, insbesondere der Salat ist lecker. Als wir losfahren wollen, vermisst Klaus seine Sonnenbrille. Sollten die Kinder sie mitgenommen haben? Nein! Nach einigem Suchen findet sie sich dann doch noch auf Susannes Gepäckträger wieder. Es geht weiter.

Je mehr wir uns Tilsit nähern, desto schlechter werden die Straßen. Gegenüber der (ehemaligen) Papierfabrik bemerken wir ein altes Jugendstilgebäude, das als Waisenhaus für behinderte Kinder dient. Susanne und Bernd gehen hinein und werden nach einer Spende durch das Gebäude geführt. Bis zum Hotel Kronus ist es nicht mehr weit. Nach der obligatorischen Umrundung des Lenin-Denkmals stellen wir im Hof unsere Räder ab und beziehen die Zimmer. Nach der Nacht bei Leni Ehrlich haben wir heute wieder gut funktionierende sanitäre Anlagen, die wir ausgiebig nutzen.

Es ist noch früh, als wir die Stadt erkunden. Als erstes haben wir einen Termin für ein Fotoshooting mit dem Tilsiter Elch, der nach sechzigjähriger Verbannung hinter die Mauern des Königsberger Tierparks nun wieder in Tilsit Einheimische und Gäste begrüßt. Näheres zum Tilsiter Elch findet man im Internet, z.B. unter

http://www.tilsit-ragnit.de/tilsit/ti_tilsiterelchdaheim.html.

Wir schlendern durch die Stadt bis zur Memel mit der Königin-Luise-Brücke. An jedem Kiosk und Buchladen machen wir Halt. Luise ist nach Tagen noch immer auf der Suche nach Postkarten für ihre Lieben daheim.

Aber auch in Tilsit ist die Auswahl so was von mager, dass sie schließlich die Suche entnervt aufgibt und die nächstbesten einfach kauft. Jetzt fehlen noch die Briefmarken. Während wir uns schon in einem russischen Biergarten von den Strapazen des heutigen Tages erholen, gehen Luise und Susanne in das gegenüberliegende Postamt.

Den Tag beschließen wir mit einem Abendessen im Hotel.

 

6. Tag - Fr. 4.6.2010
Tilsit/Sowetsk - Nidden/Nida

Unsere Abreise verzögert sich. Es ist schon 9h durch. Wir müssen warten, bis wir vom Hotel unsere Reisepässe samt der Migrationskarten ausgehändigt bekommen, die wir für die Ausreise aus Russland benötigen. Die nächste Wartezeit entsteht dann beim Beladen der Räder. Lothar (das h ist wichtig) hat einen Platten. Weil wir mittlerweile einen kleinen Vorrat an Ersatzschläuchen haben, ist der Schaden schnell behoben. Gemütlich radeln wir zur Memel, wo wir unsere letzten Einkäufe auf russischem Boden erledigen. Schnaps und Zigaretten sind hier nochmal um einiges billiger als in Litauen. Wir verabschieden uns von Vadim, unserem russischen Begleiter. Er will heute die 120 km bis Königsberg auf seinem alten Rennrad zurücklegen.

Vorbei an den wartenden LKW und PKW steuern wir Pass- und Zollkontrolle auf der russischen Seite der Königin-Luise-Brücke an. Es geht zügig voran. Hinter der Kontrollstelle sammeln wir uns, um gemeinsam über die Brücke zur litauischen Kontrollstelle zu fahren.

Aber auch wiederholtes Durchzählen ergibt, das einer fehlt. Es ist Lothar. Wir finden ihn nicht. Also fahren wir ohne ihn über die Brücke und erledigen die litauischen Grenzformalitäten. Hinter der Grenze wartet Lothar schon auf uns.

Regen haben wir heute nicht zu fürchten. Die Sonne scheint und es ist angenehm warm. Die Route führt schnurstracks 45 km in nordwestliche Richtung nach Heydekrug/Silute.

Und genau aus dieser Richtung weht uns ein kräftiger Wind entgegen. Nein, er weht nicht, er bläst.

Damit sich das Teilnehmerfeld aufgrund dieser Bedingungen nicht allzu sehr auseinander zieht, verabreden wir nach jeweils ca. 10 km einen Stopp einzulegen, um auf die Nachzügler zu warten.

Das klappt wunderbar und wir erreichen am frühen Nachmittag die nette Kleinstadt Heydekrug.

Bei griechischem Salat und einem kühlen Bier sitzen wir im schattigen Biergarten des Hotels Deims.

Vom Wind ist hier nichts zu spüren. Aber die letzten Kilometer unserer Tour rund ums Haff liegen ja noch vor uns. Es geht weiter Richtung Westen. Der Wind verlangsamt unsere Reisegeschwindigkeit noch weiter. Die Memelbrücke nach Ruß/Rusne wird für einige von uns zum echten Hindernis; sie müssen schieben. Wir radeln langsam durch den kleinen, beschaulichen Ort. An der Memel machen wir einen letzten Halt. Gegenüber ist wieder Russland.

Überall entlang der Memel duftet und leuchtet blühender Weißdorn. Es ist wunderschön. Gemeinsam fährt die Gruppe auf einem kleinen Sträßchen zum idyllisch gelegenen Hafen Kuverts Hof. Wir haben noch etwas Zeit, uns dieses friedliche Fleckchen anzusehen. Ein Storch nistet fast in Augenhöhe.

Die Gelme, ein schönes großes Boot, wartet schon, um uns über das Haff zu bringen. Die Räder werden auf dem Bug verstaut.

Das Gepäck kommt in die Kajüte. Wir setzen uns um den äußerst stabilen Tisch an Deck und freuen uns auf ein Bierchen während der Überfahrt. Doch es sollte ganz anders kommen. Das Bier müssen wir auf den Abend verschieben. Schon auf den ersten Metern ziehen wir uns die Jacken über. Der Wind auf dem Wasser ist kalt. Es dauert nicht lange, bis die ersten Wellen überschwappen. Wir sind froh um unsere Jacken. Einige von uns flüchten in die trockene Kajüte. Der Seegang wird immer stärker, je weiter wir aufs Haff kommen. Es ist schwierig, die Kajüte über die steile Treppe zu betreten oder sie zu verlassen. Dennoch bleibt nicht jeder unter Deck. Die Seekrankheit kündigt sich an! Der Seegang ist irgendwann so stark, dass sich sogar der schwere Tisch und die Bänke in Bewegung setzen. Alle sind froh, als wir nach zwei Stunden endlich in Nida ankommen.

Gegen 21h - es ist schon recht spät geworden - treffen wir uns zu einem leckeren Fischessen. Mit einem Wodka beendet Bernd unsere "Tour rund ums Haff". Aber es sollte nicht der letzte bleiben. Auch an den folgenden Abenden treffen wir uns zum Essen, Trinken und Ratschen. Wir waren eine nette Truppe!

 

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